TAGEBUCH eines ABENTEUERURLAUBS IM KNAST !

  • Wie versprochen und vorgenommen habe ich ein kleines Tagebuch geführt über meine Erlebnisse im Knast.
    Es muß ja nicht jeder lesen, aber vielleicht hilft es dem einen oder anderen, doch mal das UG, an dem man ja als Taxifahrer zweimal am Tag vorbei fährt, mit etwas anderen Augen zu sehen!
    ICH JEDENFALLS möchte, im Nachherein gesehen, diese 17 Tage meines Lebens nicht mehr missen, denn die haben mir geholfen, doch viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten!
    Und ich danke hier noch einmal dem - leider - unbekannten Spender, der meine Strafe vorzeitig bezahlt hat. Aus meiner Familie war's keiner.
    Trotzdem noch mal: DANKE!


    Und auch noch mal ganz explizit meinen aufrichtigsten Dank an Herrn Thomas Hofschulte, noch Aufsichtsrats-Vorsitzender der Hansa-Funk-Taxi eG in Hamburg, und an seinen Anwalt TIM OLIVER BECKER, die beide nicht geruht und gerastet haben, mir endlich den ersehnten Abenteuer-Urlaub zu ermöglichen! DANKE!


    Zunächst einmal die offizielle Einlandung, meinen Urlaub antreten zu dürfen:





    TAG 1 20.September 2010


    Gegen 10.40 Uhr war ich pünktlich am Knast, um mich zu stellen, wie es im Knast-Jargon so schön heißt!
    Weit und breit niemand (Anmerkung: 5 oder 6 Kollegen konnten nicht kommen, da sie zB in Berlin vor Gericht aussagen mußten oder gerade in der Zentral-Türkei auf Urlaub waren)! Hat mich schon ein bißchen traurig gestimmt. Dann aber tauchten Eberhard Engel und später Kai auf. Wenigstens ein paar treue Seelen, die Wort halten! Und auch Evchen und Daniel kamen (Anmerkung: Meine Tochter und ihr Freund). Wir machten ein paar dekorative Fotos für's Netz und Eberhard mit seinem iPhone ein Filmchen (Anmerkung: Diese folgen später nach), das er bei YouTube reinsetzen will (Anmerkung: Hat er noch nicht gemacht, da er damit nicht zurecht kam. Kriegen wir aber noch hin). Gegen 11.00 Uhr gab es dann einen ziemlich emotionalen Abschied, und ich betrat die Höhle der Verdammnis.











    Ziemlich kleiner Vorraum. Ein gepanzerter Glaskasten mit Beamten, eine X-Ray-Maschine und ein Tor zum Durchgehen. Papiere vorgelegt, Koffer in die Durchleuchtung und ich durch's Tor.Dann kam ein weiterer Beamte. Der erste war noch geschockt wegen der Medizin-Packungen mit Nadeln und so. Ich hörte, wie er zum zweiten sagte, daß das noch Ärger geben könnte. Dann wurde ich durch einen Gang zu einem Büro gebracht. Selbst dieses sah einer Zelle schon verdammt ähnlich. Da jeden Tag acht Stunden arbeiten und ich würde mich erschießen.Was für Scheiß-Jobs sind das bloß! Immer in so einem Ambiente!? Dann mußte ich mich komplett ausziehen und jede Naht aller Klamotten wurde untersucht. Ich selbst allerdings nicht!? Danach kam ich in eine Art Warteraum, wo man mir eine Schale mit Hühnereintopf servierte. War gar nicht mal schlecht, und beinhaltete sogar ziemlich viel Fleisch.Dann wurde mein Koffer ausgepackt, alles Gedruckte konfisziert (auch die angeblich erlaubten Bücher zur Fortbildung und Freizeitgestaltung)!? Werde mich darüber beschweren! Danach brachte man mich ins Krankenhaus. Nach etwa 1 1/2 Stunden Ablagern kam eine Schwester und brachte mich zum Arzt. Dieser Mann kam aus dem tiefsten Afrika, sprach aber sehr gut Deutsch. Arzt und Schwester waren aber sehr nett, wie ich bemerken darf. Auch die anderen Beamten waren eigentlich ziemlich freundlich und höflich! Nur das mit den Büchern nervte echt. "Da könnten unerlaubte Nachrichten drinstehen!"
    Nun ja. Mit der Medizin ging das einfacher (Anmerkung: Die brauche ich gelegentlich). Ich bekam eine Packung mit und der Rest kam dort in den Kühlschrank. Mein Koffer war irgendwo abgelagert worden, ebenso alle Dinge, die ich nicht mitnehmen durfte, wie die Bücher, mein Handy, meine bedruckten Schmierzettel und mein T-Shirt, wg politischer Parolen



    Der Gang (das ganze Haus) sieht noch aus wie ein Knast zur Nazizeit (Anmerkung: etwa 100 Jahre alt aber ein bißchen renoviert über die Jahre), außer ein paar modernere Glastüren. Die Zelle selbst sieht so aus, wie man sich eine Zelle vorstellt: Etwa 10 qm groß, ein am Boden festgeschraubtes Bett (leidlich bequem). Dazu ein Tisch mit Stuhl, ein primitiver Schrank, ein Waschbecken und ein Kloh (Anmerkung: Beides aus Stahl)! Erst mal meine Sachen verstaut und das Bett gemacht. Dann allerdings gab es ein paar Stunden Warterei mit Meditation und Nachdenken. Dann gab es Abendbrot: 8 Stullen Mischbrot (!), Teewurst, Quark und Margarine und eine Schale Tee. Bloß was für einer! Irgendwie Hagebutte oder so! Und das mir?
    Das Fehlen meines Frauchens, meines Kampfkaters und meines Bierchens wird mir sicherlich zu schaffen machen.
    Da ich keine Uhr habe (es dürfte im Moment etwa 18.00 Uhr sein), schreibe ich jetzt erstmal diverse Dinge.
    Dabei vergaß ich: Bei der Essensausgabe (ein Schwarzer und ein Türke) (Anmerkung: Und natürlich auch ein Beamter) trat ich etwa 1 cm über die Türlinie nach draußen, worauf der Beamte mich anpfiff: "Wo wollen Sie denn hin?" Nun ja. Ich gab ihm zu bedenken, daß ich hier neu sei. Der Kerl scheint ein weniger guter zu sein. Der aber, der mich her brachte und wohl auch für mich zuständig ist, scheint sehr nett zu sein. Bis auf diesen einen waren ALLE sehr freundlich und höflich. Bisher kein militärischer Ton. Nach dem Essen gab es wieder warten.
    Dann aber kamen wieder zwei Knastis und der nette Beamte. Da durfte ich mir unter einem Dutzend Schrott-Romanen (Anmerkung: Die Flur-Bibliothek) den besten aussuchen. Außerdem bekam ich Seife, Zahnbürste, Zahncreme und Briefumschläge, Schreibpapier, Antragsformulare und einen Kuli. Nun sitze ich hier und schreibe. Jetzt ist es nicht mehr langweilig. Erst habe ich an meine geliebte Anke einen Brief geschrieben, dann noch eine Überweisung ans UKE eingetütet und drei Anträge geschrieben:
    1) Besucherliste
    2) Antrag auf Telefonieren und
    3) Antrag auf Nutzung der Bibliothek und die Rückgabe meiner Bücher, da dieses ausdrücklich zum Mitbringen erlaubt war.
    Jetzt schreibe ich an meinem Tagebuch. Im Gang ist es ruhig, aber draußen brüllen einige Gefangene ziemlich laut herum.
    Ich muß mir nachher noch ein bißchen was einfallen lassen wegen des Kopfkissens, aber ich hab da schon eine Idee.



    So, jetzt geht der erste Tag seinem Ende entgegen. Es ist jetzt etwa 21.00 Uhr. Draußen hat jemand ständig einen anderen nach der Uhrzeit gefragt. Ich habe keine Uhr mit und ich denke, daß das vielleicht auch ganz gut ist. Man baut sich sein eigenes Zeitsystem auf, das sich an den Ereignissen orientiert, die hier so abgehen.
    Habe mir aus meiner Windjacke und einer zweiten Decke ein Kissen gebastelt. So ganz ohne fände ich Scheiße. Und ich denke, es wird gehen.
    Habe etwa 30 Seiten in dem Roman gelesen. Ist ja ein Bestsellerautor, aber zumindest der Stil der deutschen Übersetzung ist ziemlich grottig. Nun ja, vielleicht finde ich ja bald was besseres.
    Gute Nacht!
    Ich denke vor allem an meine süße Liebste!
    Aber auch an Evchen, mein Muttchen und alle, die es mit mir ziemlich schwer haben!
    Verzeiht mir, aber ich konnte nicht anders handeln!

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  • TAG 2 21.September 2010


    Die erste Nacht war vergleichsweise gut. Zwar hat noch eine längere Zeit ein Gefangener in meiner Nähe sich mit Freunden draußen zugebrüllt und wollte dann noch von seinem Nachbarn Batterien für seinen CD-Player kaufen, und einer war noch eine Weile am Durchdrehen, aber dann wurde es ruhig. Und ich war zwar öfter wach, habe dann aber doch ganz gut geschlafen.
    Irgendwann (gegen 6.00 Uhr?) scheppert es durch den Block. Aufstehen! Ich bilde mir mal ein, es sei schon 7, da das ja meine normale Aufstehtzeit ist. Waschen (es gibt nur kaltes Wasser, aber das härtet ja schließlich ab), Zähneputzen und mein Bett machen. Die Wolldecke hat sich im Bezug ein wenig selbstständig gemacht. Nach etwa 15 Minuten kam dann das Frühstück: Brot wie gestern Abend, Margarine (Anmerkung: DIÄT! Alles in kleinen Hotel-Packungen), Pflaumenmus und - man höre und staune - ein Ei. Dazu schwarzen Tee. Na ja, könnte schlimmer sein. Dabei ein bißchen Tagebuch schreiben.

    Die Ausgabe des Essens erfolgt durch Knastis, die allerdings von einem Beamten begleitet werden.

    Man muß schon an der Tür stehen mit seinem Teller in der Hand.

    Dabei beging ich gleich einen schwerwiegenden Fehler, denn ich trat mit einem Fuß über die Türlinie nach draußen.

    "Wo wollen Sie denn hin?" brüllte mich der Beamte an.


    Etwa um 9.00 Uhr gab es eine Stunde 'Freigang' auf dem Hof. Außer mir waren nur zwei Russen oder Polen da, die kein Interesse zeigten, sich näher zu unterhalten, außer daß sie fragten, warum ich drin sei. Die erzählten mir aber nicht, weshalb sie einsaßen.
    Ganz spannend war es, den Gesprächen der Häftlinge von Fenster zu Fenster zu lauschen, die sich hauptsächlich über die exorbitanten Preise im Einkaufsshop beschwerten! Dienstag ist immer Einkaufsmöglichkeit, die aber für mich noch nicht in Frage kommt, weil mein Bargeld noch nicht auf dem Konto wäre.
    Danach mußte ich zur 'Aufnahme'. War eine ganz sympathische junge Dame, aber auch hier dachte ich, daß es eigentlich schlimmer sei, hier jeden Tag arbeiten zu müssen, als ein paar Tage einzusitzen.


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    Übel war, daß mir keiner erzählt hat, wann ich meine Anträge und Briefe abgeben kann. Das geht NUR morgens beim Frühstück! Gefragt aber hat mich keiner, so daß die Briefe und Anträge nun bis morgen warten müssen! Mist!
    Gerade scheppert es zum Mittagessen. Ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich Hunger. Mal sehen, was es gibt.
    Noch ist reichlich zu schreiben, weil alles erst mal erfahren und verarbeitet werden muß. Es gibt auch manches neu zu lernen. Aber der Typ mit dem 'verbotenen Raustreten' scheint ein ziemlicher Mistkerl zu sein, denn der junge Beamte, der mich zur Aufnahme brachte, meinte, daß die meisten das nicht so genau nehmen. Seh ich auch so, aber aus irgendwelchen Typen müssen ja Gestapo-Leute, Stasi-Männer und Guantanamo-Schergen gebastelt werden!?
    Ich glaube, das Schlimmste ist die Langeweile. Vor allem vermisse ich - außer den oben schon genannten Personen und Dingen - das Radio. Meinen Deutschlandfunk! Aber wenn man das Alles plötzlich nicht mehr hat, weiß man es besser zu schätzen! Ging mir in Korea die ersten Monate auch so. Und die MOPO gibt's hier auch nicht. Überhaupt keine Zeitungen! Wenn Knast zur Erziehung der Leute sein soll, sollte er zu allererst mal für Bildung und Informationen sorgen! Gerade kommt der nette Beamte rein und bringt mir meinen Kontoauszug, der mir jetzt aber auch nichts mehr bringt. Er will aber mal nach dem Kathalog für die Bücherei sehen.


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    Gerade gab es Essen. Schon wieder Eintopf, aber diesmal Linsen. Ein bißchen zuviel Essig aber sonst ok. Dazu eine Apfelsine.
    Den Kathalog mit Romanen hat man mir auch gebracht. Wenn die alle da sind, gibt es ein paar interessante und spannende. Das sollte reichen bis zum 8.11.!
    Wieder Abendbrot. Das zweite in dieser Anstalt. Wieder das dröge Mischbrot, drei eklige Scheiben Leberkäse und eine Art Wurzelsalat. Na ja, die Scheiben Leberkäse habe ich entsorgt. Immerhin trennen die hier den Müll! In zwei Arten: Alles und Alu! Das Alu kommt vom Mittagessen, welches in so eine Alu-Schale geschweißt war. Sah aus wie Fertigessen von draußen, war aber reingeschmissen und dann zugeschweißt worden. Sicherlich hier im UG.
    Da frage ich mich nur: Das hier ein Untersuchungsgefängnis, wo Leute einsitzen, die wegen 'vermuteter' Straftaten festgeniommen wurden. Nach unserem Rechtssystem ist aber JEDER unschuldig, solange er nicht rechtskräftig verurteilt wurde. Und man stelle sich mal vor, die Person ist tatsächlich unschuldig! Dafür wird man hier eigentlich ganz schön ruppig und mies behandelt. Nachher in einem richtigen Knast mag das ja angehen, aber vor der Verurteilung gilt doch eigentlich die Unschuldsvermutung, oder?


    Ich dachte heute auch an den Indianer Leonard Peltier (Anmerkung: http://de.wikipedia.org/wiki/Leonard_Peltier), der seit den 70er Jahren unschuldig im Knast sitzt (Anmerkung: Robert Redford hat ein sehr gutes 90minütiges Doku gedreht über ihn).
    Mann. Nach meiner eigenen Zeitrechnung dürfte es jetzt etwa 20 Uhr sein, und das abendliche Besucherritual hat wieder begonnen. Ich kann zwar nichts sehen, weil das Fenster für mich zu hoch ist, aber gerade machen wohl ein paar Freunde eines Nachbarn ein Hupkonzert. Hier in diesem Block sind scheinbar alles Einzelzellen. Radio und TV hat hier wohl auch keiner, denn man hört keine Musik oder so. Ich frage mich, womit sich diese Leute hier den ganzen Tag beschäftigen, denn ich habe nicht den Eindruck, daß die Bibliothek stark frequentiert ist. Der Kathalog machte einen wenig genutzten Eindruck.
    Das Fehlen meines Kaffees und kaum Bewegung hat bewirkt, daß auch meine Darmaktivitäten etwas durcheinander geraten sind. Jedenfalls brauchte ich das gemütliche Stahlkloh noch nicht für größere Geschäfte nutzen.
    Nachdem ich schon ein Briefchen an mein geliebtes Schnuckelfrauchen geschrieben habe, werde ich jetzt noch einen an mein Muttchen verfassen, damit alles morgen dann in die Post kann (Anmerkung: Natürlich offen wg Zensur!).
    Keine Ahnung, wie lang die braucht? Hier dauert alles offenbar SEHR LANG! Wie sagte der nette Beamte, wenn auch in anderem Zusammenhang, als ich die Treppe zum Hof runtertüffelte? "Hier haben wir viel Zeit!"
    Es ist jetzt etwa 21.00 Uhr, es ist Ruhe eingekehrt. Aber eben schlägt ein Gefangener an seine Tür und schreit: "Ich will nach Hause!"
    Aber ich glaube, daß das alle hier wollen!

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  • TAG 3 22.September 2010


    Nach einer wieder relativ ruhigen Nacht wurde ich wieder von der Glocke aus dem Schlaf gerissen. Dann kommt der Beamte, öffnet die Tür und ruft: "Guten Morgen!". Dann hat man etwa eine viertel Stunde Zeit zum Waschen, bis das Frühstück kommt. Wieder der labberige Einheitstee, das bekannte Graubrot, Margarine (BeCel Diät), dazu heute Rübenkraut und eine Art Nutella. Nun ja. Frische Brötchen mit Parmaschinken oder Kassler sind weit und breit nicht zu sehen, aber das hatte ich natürlich auch nicht erwartet. Und die FREIE MEINUNGSÄUSSERUNG sollte einem das schon wert sein!
    Der Tee ist noch einigermaßen heiß, was wohl daran liegt, daß ich relativ am Anfang des Ganges liege, Zelle 25 (Anmerkung: Eigentlich liege ich am Ende, aber der Servicewagen kommt immer von meiner Seite, und da liegen nur noch drei Zellen zwischen mir und dem Eingang, von denen nur zwei belegt waren). Links sind die geraden und rechts die ungeraden Behausungen angeordnet. Daß ich immer nur zwei Schnitten nehme, wundert den Küchenkameraden etwas. Der scheint es eher gewohnt zu sein, 6 bis 8 Schnitten pro Insassen hinzulegen. Aber zuhause würde ich ja auch nicht mehr essen, dafür aber natürlich sehr viel leckerer, schließlich lege ich ja gerade auf das Frühstück immer größten Wert! Aber auch das lernt man dann noch mehr zu schätzen!
    Dann habe ich endlich meine Anträge und die Briefe abgegeben. Diese darf man nicht zukleben, es könnten ja schließlich üble Dinge drinstehen oder Kassiber beigelegt sein. Bin gespannt, wie lange die bis zu Anke und meinem Muttchen brauchen!?
    Die Sonne ist gerade am Aufgehen und beleuchtet den Fernsehturm rot. Scheint gutes Wetter zu werden.
    Da es im Waschbecken keinen Stöpsel gibt, und der Hahn wie im Flugzeug immer nur für ein paar Sekunden Wasser rausläßt (nur kalt), ist es schwierig, mal was ordentlich (?) zu waschen. Also muß man sich was einfallen lassen, um das Wasser drinzuhalten. Ich habe dazu den Aludeckel des Sirup-Näpfchens genutzt. Da war noch massig klebriger Sirup dran. Auf den Ablauf gelegt und glatt gestrichen, und schon hatte ich einen 'Stöpsel', der das Ablaufen des Wassers wirkungsvoll verhinderte! Tja, wozu hat man seine drei grauen Ganglien da oben? Nun wusch ich, wenn auch in kaltem Wasser mein T-Shirt und ein paar Strümpfe. Ging besser, als ich erwartet hatte. Scheinbar gibt es hier keine Möglichkeit, irgendwo seine Sachen waschen zu lassen oder das selber zu tun! Na ja, noch 47 Tage werde ich das schon schaffen. Habe schon schwierigere Situationen erlebt! Aber man merkt schon, daß wir es im 'normalen Leben' ganz schön gut haben. Hotel Frauchen ist schon sehr luxuriös! Aber das werde ich dann noch mehr zu schätzen wissen, als sonst schon! Und das ist doch auch schon was wert!
    Meine innere Uhr - mein Zeitsystem - erzählt mir, daß es jetzt etwa 8 Uhr ist (tatsächlich etwa 7 Uhr, wenn ich den Sonnenstand berücksichtige). Draußen im Gang herrscht eine ziemliche Unruhe.
    Heute war Duschtag! Ein Raum mit einer festinstallierten Dusche für eine Person, Waschbecken und Kloh. Das Wasser läßt sich nicht regulieren, ist aber angenehm warm. Ein eklig nach Erdbeeren stinkendes Duschgel wurde mitgeliefert, dazu Badelatschen und Handtuch. Und Rasierzeug: Altmodischer Pinsel, Seifenstein! Wie zu Uropas Zeiten! Und ein primitiver Einweg-Rasierer. Spiegel ist aus Metall! Damit man ihn nicht als Waffe nutzen kann? Völlig zerkratzt. Man kann praktisch nichts erkennen! Aber das Kindchen ist wenigstens sauber und rasiert, wenn auch mit geringem Schlachtfest.
    Da ich ja sozusagen in Einzelhaft lebe, also praktisch keinen Kontakt mit anderen Gefangenen habe, muß ich mir alles alleine erarbeiten. Immer mal eine Frage an die Beamten, aber sehr gesprächig sind die nicht. Antworten nur das Nötigste.
    Ich versuche, die Geräusche draußen im Flur zu interprätieren, was aber nicht ganz einfach ist.
    Gefühlte Zeit etwa 13.00 Uhr. Mittagessen. Es sind immer die gleichen Jungs, die mit dem Wagen vorbeikommen. Dazu ein Beamter. Man wird immer mit einem frohen "Mahlzeit!" begrüßt. Dann bekommt man die zugeschweißte Alupackung in die Hand gedrückt. Heute gab es mal keinen Eintopf, sondern Gulasch mit Kartoffeln. War sogar gar nicht mal sooo schlecht. Jedenfalls wird man satt. Aber irgendwie müssen die en gros Wurzeln (Karotten) eingekauft haben, denn die waren bisher in jedem Essen drin. Aber sind ja gesund!
    Irgendwo ist in meiner Nähe einer, der mir mit seinem ständigen Gebrüll nach draußen oder mit anderen Häftlingen, die am Fenster stehen, auf den Wecker geht. Auch jetzt röhrt er wieder rum. Überlege, ob ich mich mal beschwere. Gestern Nacht hat er sicherlich zwei Stunden lang gequaakt. Hat einen südlichen Akzent, spricht aber ein ordentliches Deutsch, wenn natürlich die typische Prolosprache (Anmerkung: 'Digger' ist sein absolutes Hauptwort). Markenklamotten sind sein Hauptgesprächsthema. Na, jedem das Seine!
    Eben bekam ich meinen Antrag mit der Besucherliste zurück. War nicht das richtige Formular!? Auf dem neuen darf ich nur zwei Personen eintragen! OK, ich habe Anke und Mutti eingetragen, obwohl es vielleicht besser wäre, wenn beide nicht kämen!
    Es ist gegen 16.00 Uhr eigener Zeitrechnung. Hintereinander erscheinen zwei Beamte. Beide sehr höflich. Keine Frage! Der erste gibt mir meine Briefe wieder und erklärt, ich müsse erst einen Antrag auf Frankierung meiner Post einreichen, damit man das Porto von meinem Gefängniskonto abziehen könne! Männo, dabei war das bei Eröffnung dieses 'Kontos' doch schon festgestellt, daß da zB Einkäufe an Dienstagen von abgezogen würden. Porto nicht?
    Und dann bekam ich meinen Antrag für's Telefonieren zurück und einen neuen Vordruck! Dazu wird mir ein Telefonkonto eingerichtet. Das könne aber bis zu einer Woche dauern!? Na, Klasse! Man kommt sich wirklich vor wie ein Schwerverbrecher! Aber auch damit werde ich wohl leben müssen!
    Abendbrot. Heute gibt es mal Schwarzbrot, das erheblich besser schmeckt als das abgehangene Graubrot. Dazu vier Scheiben Sülze, die zwar nicht wirklich appetitlich aussah, aber eßbar ist. Dazu wieder diesen labberigen Tee! Irgendwie stimmt der Spruch 'Bei Wasser und Brot' immer noch, mit leichten Abänderungen! Aber unter Entzugserscheinungen leide ich noch nicht, wie ich mir zugute halten kann. Aber eines weiß ich sicher: Das erste kühle Elephant wird wie Engelchen-Pipi über meinen Knorpel laufen!
    Eben war der 'Service-Wagen' da, wie ich ihn mal nennen möchte. Dort bekommt man zB Seife, Zahnbürsten etc. Aber auch Schreibpapier, was ich wieder benötige. Mein Tagebuch könnte ein ziemlicher Wälzer werden, denn immerhin sind es jetzt schon am Ende des dritten Tages fast 14 ziemlich eng beschriebene DIN-A4-Seiten. Aber es wird sicherlich weniger werden von Tag zu Tag, da sich die 'Ereignisse' ja stehts in gleichem Rhythmus wiederholen. Und auch bei mir stellt sich so langsam Routine ein, wenn man von einer solchen sprechen kann in so einer Situation.
    Aber Gott sei Dank kann ich lesen, und das überbrückt die langen Stunden. Allerdings ist der Irwin Shaw nicht gerade ein Buch, das zu recht ein Bestseller ist. Da es sich dem Ende zuneigt, habe ich mir aus dem 'gigantischen' Fundus der Flurbücherei, nennen wir sie mal so, von John Grisham 'Die Jury' ausgeliehen. Die Auswahl war nicht wirklich berauschend, zumal ich eigentlich kein Fan von Gerichts-Geschichten bin. Aber das Buch ist dick und war ein absoluter Weltbestseller. Also warten wir es ab!
    Außerdem lernt man jetzt schon, mit kleinen Dingen zufrieden zu sein. Es ist wirklich wie meine Anfangszeit in Korea, wo ich zwar frei rumlaufen konnte, mir aber doch viele gewohnte und liebgewordene Dinge fehlten. Aber man gewöhnt sich an fast alles und auch diese Zeit geht rum!
    Draußen wieder das abendliche Ritual zwischen Gefangenen und Verwandten und Freunden, obwohl das verboten ist!
    Ich werde jetzt Schluß machen. Sooo spannend ist das Buch nun wirklich nicht. Ich zitiere noch mal Dennis aus Berne auf der letzten Seite: "Son Scheiß! Ich brauch mein Fernseher!"

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  • TAG 4 23.September 2010


    Diese dämliche Glocke hat mich aus irgendeinem Traum gerissen. Irgend jemand behauptete, ich hätte ihm die Reifen seines Motorrades geklaut. Wat'n Scheiß! Scheinbar fängt die Umgebung jetzt schon an abzufärben!?
    Waschen. Frühstücksannahme. Ich gebe meine erneuten Anträge ab. Dazu drei Briefe: Einen an Anke, einen an Mutti und einen ans UKE, in dem die Überweisung für die Blutgerinnung ist. Ein neuer jüngerer Beamter plinst auf die drei Briefe: "Sie wissen doch, daß Sie nur einen Brief pro Woche schicken dürfen? Und dann noch unfrankiert! Haben Sie sich im Laden denn keine Briefmarken gekauft?" Ich erkläre ihm, daß man mir gestern erzählt hat, das ginge auch ohne, wenn ich ihnen erlauben würde, das Porto von meinem Konto abzuziehen. Er: "Na ja, ich gebe das dann mal so weiter." Bin ja gespannt, ob die nun alle wieder zurückkommen! Kein Wunder, daß die dann Wochen dauern, bevor sie dann endlich mal bearbeitet wurden! Aber man hat hier ja Zeit! Stimmt! Aber daß man vielleicht mal mit seiner Frau telefonieren möchte, scheint denen nur bedingt verständlich zu sein! Aber was erwartet und verlangt man von jemandem, der tagein tagaus in so einem Loch arbeiten muß? Auch das muß ja abfärben und Spuren hinterlassen! Habe ich sogar etwas Verständnis für. Sind eigentlich arme Schweine, wenn man mich fragt. Ich kann nach 47 Tage gehen, aber die dürfen und müssen bis zur Rente hier bleiben! Eine wirklich erschreckende Vorstellung!
    So erst mal Frühstück. Eines weiß ich jetzt schon: Ich werde wahrscheinlich nie wieder Tee trinken, es sei denn mit einem ordentlichen Schuß Rum!
    Und jetzt beginnt wieder ein Tag. Es ist der 4., aber ich habe das Gefühl, schon ewig hier zu sein. Ich frage mich, wie weniger ausgeglichene Leute diese Einzelhaft ertragen? Aber gelegentlich hört man ja Gefangene schreien oder gegen die Wände hauen, und die Stiefelabdrücke an den Wänden meiner Zelle sprechen eine deutliche Sprache.. Ein Türke hat in einem großen Herz scheinbar alle seine Freundinnen eingetragen. Ansonsten steht über der Tür (der Schrift nach könnte das auch Dennis gewesen sein): "Alle Bullen gehören nach Ochsenzoll!" Na ja, Dennis, alle vielleicht nicht! Aber ich frage mich, ob Leute wie ich, die doch eigentlich 'nur' Ordnungshaft haben, strenger bestraft werden, als Diebe und Mörder? Leute, die ihre Kinder verhungern lassen oder aus dem Fenster werfen, bekommen 2 Jahre auf Bewährung oder, wenn überhaupt, einen gemütlichen Knast mit allerlei Freizeitaktivitäten. Hier aber ist schlicht NICHTS!
    Was machen Leute hier, die nicht lesen und nicht schreiben? An die Wand glotzen? Kein Wunder, wenn die abnippeln! Und dann kommen die 'in den Keller', wie jemand am Fenster es einem anderen berichtete. Aber was soll da schlimmer sein, als es hier schon ist? Vielleicht kein Fenster?
    Es geht gegen Mittag. Draußen im Flur sind irgendwelche Bauarbeiten im Gange. Ständig sind sie am Bohren, was ziemlich nervt.
    Ich habe beschlossen, zunächst einmal nicht mehr am 'Freigang' teilzunehmen, denn die beiden 'Russen' sind nicht wirklich unterhaltsam, und der Blick auf den Knast, Betonmauer und Wachturm, dazu das verwilderte Beet mit ein paar gammeligen Rosenstöcken ist auch nicht gerade aufmunternd. Also laß ich das lieber, bleib in meiner Zelle und schreibe und lese. Damit geht die Zeit schon rum. Ich finde es wirklich gut, keine Uhr zu haben, denn sonst würde man ständig nur darauf sehen, was den Verlauf des Tages sicherlich nicht beschleunigen würde. Eher im Gegenteil! In einer solchen Situation muß man den Begriff 'die Zeit totschlagen' tatsächlich wörtlich nehmen. Es ist schon seltsam, wie man Zeit derart unterschiedlich empfinden kann, ob man 'draußen' ist oder in einer kahlen Zelle in Einzelhaft!
    Ich denke darüber nach, was ich tun würde, wenn ich draußen, und ein netter Kollege im Bau wäre. Ich denke, ich würde sammeln gehen und ihn auslösen! Aber wie ich schon oben schrieb: Solidarität ist heutzutage ein absolutes Fremdwort! Ich würde es nie zulassen, daß meine Familie dafür zahlt, aber die Kollegen? Vergiß es, Junge! So etwas gibt es nicht in der Realität! Und ich bin mir sicher, daß ich daraus Konsequenzen ziehen werde! Vielleicht ist es wirklich ein Kampf gegen Windmühlen? Hat mein Frauchen Recht, wenn sie sagt, daß mit jedem Arschloch, das in Ungnade fällt und erledigt ist, zwei neue nachwachsen?
    Und die Reihen derer, die tatsächlich mitkämpfen, verdammt dünn gesäht sind? Das wird sicherlich Konsequenzen haben!
    Eben muß ich wieder zum Haus A, wo so die amtlichen Handlungen stattfinden. Vorgestern die amtliche Aufnahme mit Paßfoto des Delinquenten, heute die ärztliche 'Untersuchung'. Na ja, was man so eine Untersuchung nennt. Aber Doc und Assistentin waren sehr nett und freundlich. Ich hatte einen etwas zu hohen Blutdruck, aber nichts Lebensbedrohliches. Er führte den auf Aufregung zurück, aber die hielt sich eigentlich ziemlich in Grenzen. Dann war da noch die Frage, ob ich ein Drogenproblem hätte, was ich, denke ich, guten Gewissens verneinen konnte. Und der Alkohol? Nun ja, sagte ich, wenn Sie zwei oder drei Bierchen am Tag als Alkoholproblem sehen, habe ich eines!
    Wir kamen übrigens beim Weg durch die Gebäude auch durch ein Souterrain, wo sich die speziellen Zellen befinden, wo die renitenten Jungs reinkommen. Sah ziemlich stabil aus! Aber bisher hatte ich keinen Grund, mich widerborstig zu zeigen. Wir kamen auch an der Aservatenkammer vorbei, wo auf einem Tisch Stapel von Wäsche lagen. Einer der Stapel trug am Tisch ein Schild mit der Aufschrift 'MIT' und einer 'OHNE'. Auf meine neugierige Frage, was das bedeutete, sagte man mir, das 'MIT' wäre für längere Aufenthalte, das 'OHNE' für die Schnellen, die schon nach ein bis zwei Tagen wieder rausgingen, wohin auch immer. Da ist weniger Zeug bei.
    Der Beamte hatte übrigens gesehen, wie meine Freunde von mir Fotos gemacht hatten, und erklärte mir, daß das eigentlich verboten sei! Was soll's!? Man wird ja wohl noch ein Andenken-Foto für seinen Urlaub haben dürfen, oder? Und Kissen gibt es nirgends welche! Gelobt sei, was hart macht!
    Gefühlte Zeit etwa 13 Uhr. Mittagessen. Wie üblich eingeschweißt in eine Aluschale, so daß man nicht sehen kann, was es gibt. Aber es gab noch ein Schälchen Mirabellen, was vielversprechend aussah. Irgendwo ist das der spannenste Moment des Tages: Das Öffenen der Alu-Abdeckung, um zu sehen, was heute drin ist. Man wird ja bescheiden, was die Unterhaltung betrifft! Heute gab es Wirsingkohl mit Fleischeinlage (durchaus ordentlich) und Kartoffeln und natürlich die Mirabellen. War heute gar nicht mal so schlecht, wenn man die Standards hier voraussetzt. Das Bohren hat inzwischen aufgehört und es ist relative Ruhe eingekehrt. Zeit zum Reflektieren. Aber in der Hektik des 'normalen Lebens' hat man das zu wenig, wovon man hier im Überfluß hat: Eben Zeit!
    Eben war ich beim Abteilungsleiter und hatte dort ein längeres Gespräch, das sehr nett und informativ war. Da haben wir uns u.a. darüber unterhalten, warum keine Kopfkissen und keine Bücher mehr zugelassen sind (praktisch gar nichts mehr darf man mitbringen) und über Praktiken, die zB die Polizei bei Verhaftungen machen müßte, aber nicht tun. Über Haftrichter, die keine Ahnung über diesen Job haben (Anmerkung: ZB an Wochenenden sitzen da oft Richter, die von Strafrecht keine Ahnung haben, weil sie zB Familienrecht machen!), und die allgemeine Unterbringung. Auch über die gelungene Flucht (ca. 2008 ) haben wir uns unterhalten, was sehr erbaulich war. Ich habe ihm angeraten, doch mal nach Colditz zu fahren, als Lehrstück für Fluchtversuche (Anmerkung: Eine Burg in Sachsen, die als Hochsicherheits-Lager für alliierte Offiziere genutzt wurde im 2.Weltkrieg. Die hatten nichts anderes zu tun, als ständig zu fliehen! Dort gibt es ein kleines äußerst spannendes Museum über deren Versuche und Techniken. Siehe dazu auch:http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Colditz) . Und auch über meine Unterbringung hier in Isolation und Einzelhaft. Und immerhin ißt er auch jeden Mittag das Gleiche, was wir kriegen. Ist doch was, oder?

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  • Zu den fehlenden Kissen: Diese mußten abgeschafft werden, weil gerade diese zu den meist genutzten Schmuggelgegenständen und Verstecken gehörten, in dem man in die weichen Materialien zB Rauschgift einnähte. Auch beliebt sind (waren) Weichkäse oder sogar Ohropax!! Und auch alle Arten von Elektrogeräte sind gerne als Transportgeräte von außen für Drogen genutzt worden.
    Und nun zu meiner Einzelhaft und Isolation. Dieses Gebäude ist der HOCHSICHERHEITSTRACKT, in dem man isoliert von den anderen Gefangenen lebt. Da kommen Leute wie ich deshalb rein, damit sie nicht in Kontakt mit tatsächlichen Verbrechern kommen. Die 'normalen' UG-Gefangenen kommen in einen Neubau, wo diese mit anderen in einer Zelle leben, Aufschluß haben, wo sie gemeinsam in einem Flur sich treffen und sogar eine kleine Teeküche haben. Aber es sind eben doch, wenn auch noch nicht verurteilt, meist echte Verbrecher.
    In einem oberen Stockwerk meines Blocks gibt es noch Zellen, wo echte Schwer-Verbrecher (zB Zuhälter und OK-Leute) sitzen, die die nicht raus dürfen und keine Kontakte zur Außenwelt haben dürfen.
    Und mein nerviger brüllender Nachbar ist auch weg. Der ist woanders untergebracht worden, da er völlig auf Drogen war.Gut so, denn er nervte.
    Und auch der gelegentliche Gebrauch der Schiffsglocke (Anmerkung: Außer morgens zum Wecken) wurde mir erklärt. Immer dann, wenn ein Häftlingn Widerstand leistet, sich verbarrikadiert oder Beamte angreift, wird damit Alarm gegeben! Gab es immerhin schon viermal, seit ich da bin.
    Ich fragte ihn dann noch, wie er diesen Job durchielt. Darauf antwortete er mir, daß man das trennen muß: Arbeit und Privatleben. OK, aber ob man das auf Dauer kann, wage ich mal zu bezweifeln.
    Übvrigens werde ich meine Bücher doch bekommen können, wie er mir versprach. Ist doch schon ein Fortschritt. Trotzdem denke ich, daß der Staat sich mal für Leute wie mich, eine andere Art der Unterbringung einfallen lassen sollte. Das wäre, einfach wegen der Zahl der Fälle (Anmerkung: In Hamburg etwa 1.200 Personen), eigentlicher vordringlicher als eine schöne Sonderunterbringung von Gewalttätern nach deren Haftverbüßung. Ich werde dazu mal, wenn ich wieder draußen bin, eine Eingabe beim Senat machen! Das war jedenfalls ein sehr erhellendes Gespräch. Danke, Herr B.!
    Er hat mir dann auch noch erklärt, wie das zB mit einem Radio gehen würde und Kaffee. Radios und TVs dürfen nur bei einem Vertragshändler bestellt und VON DORT angeliefert werden (Anmerkung: Dazu bekommt man eine 'Weiße Liste'). ZB selber dort kaufen und herbringen geht nicht, weil heutzutage jeder alles selber einschweißen kann! Und Kaffee? Man soll sich NUR einen Tauchsieder schicken lassen (Kaffee-Maschinen sind nicht erlaubt), dann ein Glas Pulverkaffee im Laden am Dienstag kaufen, den Kaffee in eine Plastiktüte schütten und das Glas dann zum Kochen und Trinken benutzen, denn die beiden Plastikschalen (Anmerkung: Man bekommt zwei schwarze Plastikschalen als Eß- und Trinkgeschirr) würden das natürlich nicht durchhalten. "Fantasie ist gefragt!" sagte er, wobei ich ihm meine ersten Resultate in Sachen Kissen und Wasserstöpsel berichtete. Vor allem der Stöpsel gefiel ihm.
    Hier eine kurze Einlage über rechtliche Dinge, die vielleicht den einen oder anderen interessieren: Wenn ich zB wegen Schulden von der Polizei festgenommen wurde, so sind diese VERPFLICHTET, das Geld, wenn ich zahlungswillig bin, anzunehmen und mich gehen zu lassen! Sogar zu einem EC-Automaten müssen die mit einem fahren! Machen sie aber meistens nicht, weil sie zu faul sind, und laden die dann im UG ab auf 'ferner liefen', wo die Leutchen dann, trotz Zahlungswilligkeit ein paar Tage einsitzen müssen!


    Es geschehen Zeichen und Wunder: mein erster Antrag wurde erhört und genehmigt! Der von der Bibliothek. Heute Abend gab es drei Bücher (maximal pro Woche) und diesmal sind ein paar echt spannende Sachen dabei. Ich habe den Grisham, den ich sowieso als Hörbuch habe, erst mal zu den Akten gelegt und einen Agentenroman angefangen, der im 2.Weltkrieg in Südfrankreich spielt. Es soll verhindert werden, daß die französische Flotte, die in Toulon liegt, in die Hände der Deutschen fällt. Die Rahmenhandlung basiert auf realen Ereignissen. Fängt schon sehr spannend an. Ich bin also erst einmal mit gutem Lesestoff versorgt. Immerhin was!
    Abendbrot war auch leidlich. Das Brot halbwegs frisch, und ein paar Scheiben Schinken dazu.
    Leider habe ich wieder einen Schreier in meiner Nachbarschaft, der sich allerdings nur mit anderen Gefangenen unterhält. Irgend eine jüngere Dame muß vor Gericht schlecht gegen ihn ausgesagt haben, weswegen er weiterhin drin bleiben muß. Und ein anderer seiner Kumpels wurde verlegt, weil seine Zelle überflutet wurde. Ich frage mich, wie er das gemacht hat, es sei denn, er hat das Waschbecken aus der Wand gerissen, denn die Wasserhähne laufen immer nur ein paar Sekunden lang, wenn man sie nicht festhält.
    Ich sehe gerade, daß meine Bibliotheks-Lesekarte die laufende Nummer 001 trägt!? Muß ich daraus schließen, daß ich derzeit der einzige Nutzer bin? Die Bücher sehen allerdings ziemlich zerfleddert aus.
    Jetzt fängt gerade ein Russe überlaut mit Freunden auf der Straße zu schreien. Nervig! Gerade läutet die Glocke. Wegen denen? Mal sehen! Schließlich ist das verboten. Aber der Abteilungsleiter sagte mir schon, daß sie nicht jedesmal die Zellen stürmen könnten, weil es sonst nur Unruhe geben würde und Widerstand. Kann ich ja aus seiner Sicht verstehen, genau wie die ellenlangen Bürokratenwege, die nicht von ihm verursacht würden, sondern von der Tatsache, daß zB beim Telefonieren etwa 6 verschiedene Behörden-Teile involviert sind (Anmerkung: Nicht bei mir, sondern bei Schwerverbrechern. In meinem Falle entscheidet er das alleine, was trotzdem dauert)!? Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Warum kann man so etwas einer Anstalts-Leitung nicht selbst überlassen?
    Schon wieder Alarm! ich hoffe, sie drehen diesen Heinis endlich mal den Saft ab! Es gibt eine heftige Diskussion. Scheinbar versuchen die Beamten für Ruhe zu sorgen. Wär mir recht! Hat aber letztlich nicht viel gebracht, denn gerade - muß so gegen 22 Uhr sein - läßt sich irgendein türkischer Insasse von seinen Freunden draußen feiern. Die Autos hupen und lassen Musik dröhnen. Die Beamten allerdings tun nichts!? Man kann nicht shlafen.
    Ich frage mich, warum man solche lächerlichen Zettel unterschreiben muß, wenn man sich grundsätzlich einen Scheiß drum kehrt, und die Leitung nichts unternimmt? Da soll einer in Ruhe pennen, wenn man morgens um 6 schon hoch muß!?

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  • TAG 5 24.September 2010


    Heute wurde ich durch die verdammte Glocke aus dem absoluten Tiefschlaf gerissen. Eine Minute später kommt der Beamte, um einen zu wecken. Da muß man sich schon sputen. Gestern bin ich erst sehr spät zur Ruhe gekommen, weil mein Nachbar wirklich über Stunden herumgebrüllt und sich mit ‚Abu’ über seine Taten ausgelassen hat. Offensichtlich war er in eine Schießerei verwickelt und sitzt hier wegen ‚schwerer Körperverletzung’! Aber er beschwerte sich, dass sein Gegner, der auf ihn geschossen hat, schon im ‚Offenen Vollzug’ sei. Dabei dürfen die Jungs tagsüber nach draußen! Scheinbar irgendein Gangkrieg gewesen. Es erboste ihn, dass der Typ wohl schon nach kurzer Zeit wieder raus durfte. Mich aber erboste der Dauerlärm! Immer, wenn ich gerade einschlafen wollte, begann der Kerl wieder nach ‚Abu’ zu brüllen und zu labern. Schließlich brüllte ich: „Halt endlich die Klappe, du Wichser!“ Darum murmelte er etwas von „Schwuchtel“, war aber von da ab ruhig. Manchmal hilft ja so was auch bei den ganz harten Kerlen, wie es den Anschein hatte.
    So, nun erst mal frühstücken! Das Übliche: Tee (den kann ich jetzt schon nicht mehr sehen!), zwei Scheiben Brot (hätte auch 8 kriegen können), Honig und Pflaumenmus.
    Eben brüllt irgendwo jemand herum. Der hält wohl die Einzelhaft nicht mehr durch. Ist auch ganz schön hart, so ganz alleine auf der Zelle, nur von wenigen Momenten abgesehen, wo einer der Beamten kurz reinkommt oder es Essen oder Freigang gibt. Kein Radio, kein Fernsehen. Nur Bücher und Schreiben als einzige Abwechslung. Wenn man damit nichts anfangen kann, was macht man dann den ganzen Tag? Nicht auszudenken! Ich denke, dann würde selbst ich nach einer Weile durchdrehen.
    Eben war Durchsuchung der Zelle. Vor allem die Gitter wurden überprüft, ob ich nicht inzwischen begonnen hatte, an wenig an ihnen zu sägen. Außerdem wurde gewischt. Konnte ja auch mal nichts schaden.
    Eben wieder Alarm und reichlich Lärm im Gang. Etliche Beamte rannten in Richtung Flurende rechts von meiner Zelle. Jemand schrie: „Wir kommen!“ Dann ein ziemlicher Lärm. Ein Gefangener, der wohl den Aufruhr verursacht hatte, kreischte. Dann war wieder Ruhe. War wohl durch die komplette Isolation durchgedreht. Kann ich verstehen. Man muß sich unbedingt beschäftigen, sonst schafft man das nicht!
    Heute habe ich wieder auf Freigang im Hof verzichtet, denn der bringt so alleine nun wirklich nichts. Und zu den anderen Kriminellen darf ich ja nicht (Anmerkung: Hätte ich ganz gerne schon mal gemacht). Dann lieber lesen. Der Agenten-Roman ‚Operation Lila’ ist sehr spannend!
    Habe heute Morgen mit meinem Stöpsel-Prinzip zwei T-Shirts und ein Paar Strümpfe gewaschen. Nur mit kaltem Wasser und Seife geht das zwar nicht wirklich gut, aber besser als nichts allemal. Mein Schnuckelchen soll ja wissen, dass ich nicht im Dreck versinke. Nur mit dem Aufhängen ist das etwas problematisch, aber in dem Schränkchen-Imitat gab es eine Schraube und eine kleine Stange, die dafür herhalten müssen. Aber Improvisation ist nun einmal alles. Man muß halt nehmen, was da ist, und das ist nicht wirklich viel!
    Als das Essen kam, war ich zweimalig erstaunt: Erstens, es gab Fisch! Also war Freitag, woran man erkennen konnte, dass auch in der UHA Hamburg (Untersuchungshaft Anstalt) die christlichen Grundwerte hochgehalten werden. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich schon den Überblick über die Wochentage verloren habe! Aber heute kann man sagen, schmeckte es ziemlich lecker. Bratfisch (fragt sich nur, was für einer) auf einem Blattspinat-Bett (etwas multschig aber ok) und Reis mit Tomatensoße. Konnte man alles sehr gut essen.
    Gerade, als ich den letzten Bissen reingeschoben hatte, kam der nette Glatzkopf. Mit ihm ging ich zur Aservatenkammer (Anmerkung: Im 6.Stock per Fahrstuhl), um mir meine drei Bücher abzuholen. Die liegen nun beim Abteilungsleiter B., der sie nochmal kontrollieren muß. Aber immerhin, die Anträge werden bearbeitet und das relativ schnell. Ich werde sie also am Nachmittag wohl irgendwann erhalten. Und gerade eben, etwa 4 Stunden später, brachte mir Herr B. die Bücher persönlich vorbei. Das nennt man Service, Leute!
    Gerade habe ich das Buch ‚Operation Lila’ von Marvin H. Albert beendet. Super spannend! Toller Agentenroman über die Selbstversenkung der französischen Flotte in Toulon am 27.11.1942.
    Und wieder ein einsames Abendbrot und eine noch einsamere Nacht vor mir. Und noch 45 weitere. Aber das schaffe ich gut! Aber es gab ein anderes ‚Problem’ zu lösen. Heute zum Abendbrot gab es das Übliche, aber als Wurst gab es eine Menge ‚Frische Puten-Zwiebel-Mettwurst’. So weit, so gut. Diese aber war von einer Plastikhülle umgeben, die derart stabil war, dass mein tolles Plastik-Messer unter überhaupt keinen Umständen hindurch wollte. Nach fünf Minuten hatte ich keinen Bock mehr, nahm die Gabel und stach mit ihr, auf die Gefahr hin, sie durchzubrechen, mit aller Gewalt auf die Hülle ein. Oh, Wunder, es klappte! Durch die dadurch entstandenen Löcher drückte ich dann die Wurst nach draußen. Sie schmeckte übrigens gar nicht mal schlecht. Aber eines weiß ich genau: Tee werde ich nach meiner Zeit nur noch im äußersten Notfall trinken!
    Das einzige, was mir wirklich Sorgen macht, ist, dass ich immer noch nicht mit meiner kleinen Liebsten telefonieren konnte. Es ist alles beantragt, aber das dauert. Sicherlich machen sich alle Beteiligten da draußen Sorgen, weil sie noch nichts von mir gehört haben. Aber ich hoffe sehr, dass das sich bald löst. Mein kleines Frauchen muß ab morgen ihr erstes Wochenende alleine verbringen. Aber immerhin sind schon 10% der Strafe vorbei! Ist doch was, oder? Meine Strichliste an der Zellenwand wächst!
    Der Schreihals der letzten Abende überbrachte heute seinem Kumpel, und damit auch mir, die gute Nachricht, dass er wahrscheinlich verlegt wird! Klasse! Der Kerl ist schon 5 Monate hier. Er will aber nicht, muß aber wohl trotzdem! Herrlich! Dann erzählte er noch, dass seine türkische Bar geschlossen wurde, weil er dort zu viele Tüten (Haschisch) verkauft hat. Als guter Moslem sollte er eigentlich gar keine Bar haben, oder?
    Jetzt ist es plötzlich ruhig. Bloß höchstens eine viertel Stunde gequatscht! Welche inhärente Tragik! Ich denke, ich werde ihm keine Tränen nachweinen. Die anderen sind nämlich ziemlich ruhig. Unterhalten sich ganz normal.


    PS: Zu dem Roman folgende Seiten:
    http://militaryhistory.about.c…rldwari1/p/toulon1942.htm
    http://militaryhistory.about.c…cruisers.co.uk/toulon.htm

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  • TAG 6 25.September 2010


    Heute habe ich ziemlich schlecht geschlafen. Erstens hat Nervi es immer wieder verstanden, mich auf Trab zu halten, da er längere Zeit Ruhe hielt, dann aber wieder nach seinen Freunden brüllte. Ich hoffe sehr, dass er Montag verlegt wird. Scheint sowieso ein ziemlich übler Junge zu sein, da er gestern berichtete, er würde wohl fünf Jahre kriegen, aber dann schon nach 2 Offenen Strafvollzug bekommen. Klasse! Bei Drogenhandel und Schießerei!
    Die Scheiß-Glocke hat mich dann zwar aus keinen süßen Träumen, dafür aber aus dem Tiefschlaf gerissen.
    Jetzt ist wieder Frühstück, wo es heute mal wieder ein Ei gab (Anmerkung: Natürlich ein Steinei). Mitten drin wurde ich abgeholt zur Ambulanz, weil die meinen Ruhepuls messen wollten. Im Wartezimmer, wo es überall Tafeln gibt mit Kreide, hatte ein gewisser Ingemar (soll laut Aussage eines Mitwartenden tatsächlich Norweger sein) ein großes Wikingerschiff gemalt und darunter geschrieben ‚Thor statt Jesus’! Aber der gute Mann hat erstens keine Ahnung von Wikinger-Drakans zweitens aber benutzt er einen Spruch, der eher in der rechten Szene benutzt wird. Wenn er genau soviel Ahnung von Thor und Co. hat, wie von den Schiffen seiner Vorfahren, wird er nie bis Walhalla kommen! Bin auch nicht so sicher, ob die dort Typen wie den gerne hätten!?
    Gerade ist der zweite Freigang der ‚normalen’ Verbrecher im Hof vor meinem Fenster, was bedeutet, dass kurz danach Ausgabe des Mittagessens ist.
    Der diensthabende Beamte kam eben und berichtete mir, dass die Besuche von Anke und Mutti genehmigt seien. Andere konnte ich nicht eintragen, da ich deren genaue Adressen nicht kannte, die aber für den Antrag notwendig sind. Der gute Detlev hätte diese wichtige Tatsache erwähnen sollen, als er mir erzählte, man bräuchte nur den genauen Namen und das Geburtsdatum. Aber ich glaube, es wäre eh nicht gut, wenn die beiden kämen.
    Mein Telefonantrag mit den beiden ist leider immer noch nicht durch, aber der Beamte versprach, beim Abteilungsleiter B. noch mal nachzufragen, da er heute Dienst hat. Ehrlich, dass ich bisher noch kein einziges Wort mit Anke wechseln konnte, stinkt mir am meisten. Warum kann man nicht einfach telefonieren und das Geld vom Konto abziehen? Abhören können sie ja auch gerne, sollten sie die Notwendigkeit dazu verspüren! Aber vielleicht, weil die 40 Minuten pro Monat dann nicht so leicht zu kontrollieren wären. Bei diesem Gerät soll angezeigt werden, wie viele Minuten man noch auf seinem ‚Konto’ hat. Aber wir werden sehen.
    Gerade lese ich einen Roman über die Reise des Prinzen Maximilian zu Wied, des Malers Karl Bodmer und eines Dieners an den oberen Missouri etwa um 1833. Den Reisebericht des Prinzen habe ich zuhause aber noch nie gelesen. Wird Zeit, dass ich das mache. Vor allem seine Beschreibung eines berühmten Mandan-Häuptlings hat Karl May zur Erfindung seiner Figur Winnetou inspiriert! Auch viele seiner Beschreibungen hat er aus diesem Buch genommen. Interessant sind einige Beschreibungen deswegen für mich, weil Anke und ich ganz in der Nähe seiner Reiseroute waren.


    (Anmerkung: Hier zwei Links zu dieser Reise:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_zu_Wied-Neuwied
    http://commons.wikimedia.org/wiki/Karl_Bodmer?uselang=de)


    Vor allem der Maler scheint schon damals den Untergang dieser Völker vorausgeahnt zu haben, obwohl es noch Indianer-Territorium gewesen war. Aber die Pelzhändler und Trapper stachelten die Zwistigkeiten untereinander noch ziemlich an. Gerade mal etwa 50 Jahre hatte es Tecumseh für kurze Zeit geschafft, die Indianer des Nord-Ostens gegen die Weißen zu einigen, aber der Zwist untereinander war der Kolonialisierung natürlich sehr förderlich, wie ja eigentlich überall auf der Welt.
    (Anmerkung: Zu Tecumseh http://de.wikipedia.org/wiki/Tecumseh)
    So, Mittagessen ist da. Die Gefangenen, die das Essen bringen, sind immer sehr freundlich und wünschen einem „Guten Appetit!“ Da verschweißt kann man noch nicht sehen, was es gibt, außer der Birne, die oben drauf liegt. Also öffnen! Immer ein bisschen wie Weihnachten. Aber das gehört nun mal zu den wenigen Abwechslungen bei einer Einzelhaft! Na ja, eine Art Nudeleintopf mit Kartoffeln drin, etwas Fleisch und einer leichten Paprikasoße. Eine ziemliche Pampe aber essbar! Ich vergaß zu erwähnen, dass auch noch Reis drin war. Da haben die alle Reste der letzten Tage reingeworfen und noch ein paar Nudeln dazu, damit es reicht.
    Kurz nachdem gerade mal wieder einer irgendwo ein wenig durchgedreht ist, wurde ich von Herrn B. in sein Büro gebeten. Er erlaubte mir von seinem Büro-Apparat nach Hause zu telefonieren. Es ist 12.30 Uhr. Leider war niemand da, weder Anke noch mein Muttchen. Aber er versprach mir, es später noch einmal zu versuchen und mich zu rufen, wenn er jemanden antreffen würde. Wirklich sehr nett der Mann! Ich erfuhr nun auch mal den gültigen Tagesplan.
    6.45 Uhr Wecken (ist doch eigentlich ganz zivil)
    7.15 Uhr Frühstück
    11.30 Uhr Mittagessen
    16.30 Uhr Abendessen
    21.30 Nachtruhe mit Licht aus! Das gibt es jetzt nicht mehr.
    Dazwischen liegen dann Freigang gegen 10.00 Uhr und andere Gänge, wie zB zum Doktor, zur Aufnahme etc.
    Aber ich denke, ich mache mir aus diesem Zeitrahmen keinen Kopf, denn ohne Zeit lebt es sich hier besser!
    Zumindest für den Einsitzenden ist die Zeit von wenig Bedeutung und sie geht schneller vorbei, wenn man nicht so viel über sie nachdenkt.
    Herr B. ist übrigens ein Diplom-Volkswirt. Und es war auch noch ein junger Mann da, der an der Fachhochschule am Berliner Tor einen Bachelor macht und dann in den Justiz-Vollzugsdienst möchte! Höhere Laufbahn. Mit Menschen hat er jedenfalls genügend zu tun.
    Gerade ist der 3. Freigang im Hof. Laut Herrn B. gibt es derzeit etwa 5 bis 600 Gefangene hier. Wie viele meiner Art wusste er nicht. Früher waren das mal über tausend! Aber auf meinem Gang sind etliche Zellen leer.
    Herr B. hat noch mehrere Male versucht, bei Anke und meiner Mutter anzurufen, aber niemand hat abgenommen!? Verdammter Mist! Da ist mal einer wirklich nett und will einem helfen, und keiner antwortet! Hoffentlich war Anke nicht so dumm, nicht abzuheben, weil sie die Nummer nicht kannte!? Dabei habe ich ihr gesagt, dass sie IMMER rangehen soll, denn es könnte ja ich sein, dass ich es bin. Jetzt müssen wir wieder mindestens zwei Tage warten, bevor es wieder geht. Allerdings sagte mir Herr B., dass es mit der Telefongenehmigung schnell gehen würde, da alles von ihm genehmigt werden könnte. Wenigstens ein kleiner Lichtblick! Bitte, Anke! Heb beim nächsten Mal ab!
    Nach einem Schluck kalten Tees wollte ich die Birne essen, aber die war derart steinhart, dass sie direkt in den Müll wanderte. Nix mit Vitaminen.
    Das Buch ‚Der Herr des Regenbogens’ von Peter Baumann endete mehr als tragisch mit dem Ende der Mandan durch die Pocken 1837 und dann dem Versinken des Malers Bodmer in der Bedeutungslosigkeit. Ich werde mich zuhause unbedingt mal mit dieser Reise auf fachlicher Ebene beschäftigen.
    Ich bin tierisch traurig, dass es mit dem Telefonieren nicht geklappt hat! Da will einer einem helfen, und es klappt nicht. Scheiße!
    Draußen hört man jede Menge Marschmusik. Ist da Band-Festival dieses Wochenende?
    Wie gerne würde ich jetzt meine Kleine in den Arm nehmen und sie knuddeln!!!
    Und wieder Abendbrot, und wieder ein Tag fast zuende! Irgendwie gehen die Tage vorbei. Noch 43 von ihnen!
    Gute Nacht! Ein langes Küsschen für meine kleine Liebste!


    (Anmerkung: Mato-Tope, Mandan-Häuptling und Vorbild für Winnetou!)
    http://upload.wikimedia.org/wi…7/7e/Mat%C3%B4-Tope_1.jpg

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  • Sehr spannend und traurig.... *knuddel*
    Hattest du bei mir auf Arbeit angerufen? Sicher.... ich hab immer abgehoben, wenns klingelte, auch zu hause *schnüff*.... war wohl wirklich grad unterwegs. An besagtem Freitag z.B. bei einer Professorin ihren Vortrag vorbereiten....

  • Ja,Liebste!
    Das wußte ich wenig später, wie du den weiteren Tagen entnehmen kannst, dann auch! Aber natürlich nicht an diesem Tag!
    ICH LIEBE DICH!


    PS: Mein Frauchen ist gerade in Leipzig, wo sie meine Memoiren liest!

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  • TAG 7 26.September 2010


    Noch nicht einmal an einem Sonntag lässt man einen mal ein ganz bisschen länger pennen! Und dann, ich konnte mich noch nicht einmal richtig waschen, kam auch schon das Frühstück. Für einen christlichen Feiertag hätte das auch mal etwas umfangreicher als ‚normal’ ausfallen können. Ein Tückei von Henne Berta zB. Aber die gab es ja schon in der Woche.
    Bin gespannt, ob es wenigstens zu Mittag was etwas Besseres gibt.
    Und dann saß ich gerade da, um mir ein Brot mit Sauerkirschen-Marmelade zu schmieren (Anmerkung: Das hört sich jetzt toller an, als es war, aber mit einer Schwartau Extra konnte diese Mamsche keinen Vergleich aushalten. Nicht eine einzige Kirsche drin!), als ich schon wieder hochgescheucht wurde in die Ambulanz zum Blutdruck-Messen! An einem Sonntag!?
    Aber jetzt (Anmerkung: Hinterher natürlich) erst einmal was futtern und Tagebuch schreiben. Ich träume von unserem Sonntagsfrühstück zuhause. ALL AMERICAN! Pancakes, Spiegelei, Bacon, diverse Sirups. Dazu starken schwarzen Kaffee! Männo! Ist wie eine Art Fata Morgana!
    Mein erstes Sonntagsfrühstück zuhause wird ein solches sein! Frische Brötchen, Croissants und wirklich leckere Marmeladen. Nur vom Feinsten!
    Dann wollten die jetzt schon Freigang machen und das bei Regen!? Ne, kein Bock! Dann lieber ‚gemütlich’ in meiner Zelle! Na ja, was man so unter ‚gemütlich’ versteht: Auf meiner Pritsche sitzen, nachdenken und lesen. Mehr hat man nicht! Schließlich ist niemand da, mit dem man sich unterhalten kann. Und die eine Stunde ‚Freigang’ bringt in meinem Falle auch nicht wirklich was, weil es kaum Leute gibt, die mit mir zusammen auf den Hof dürfen, die auch noch nicht wirklich gesprächig sind.
    Neben mir in Zelle 27 ist ein Neuer gekommen, der bei dem gemeinsamen Gang ins Lazarett zum Blutdruckmessen nichts sagte. Noch nicht einmal seinen Namen. Sieht ziemlich wie ein Junkie aus mit vielen Tattoos. Wäre sicherlich nicht wirklich ergiebig, selbst wenn er das Maul aufmachen würde. Daß unter solchen Haftbedingungen mancher die Nerven verliert, ist sehr verständlich.
    Ich mache mir Sorgen um meine Kleine, die seit einer Woche nichts von mir gehört hat. Scheiße wegen gestern! Hoffentlich wird wenigstens morgen das Telefon frei geschaltet! Im Moment lese ich eine Anthology über Seeräubergeschichten aus Realität und Literatur. Das meiste war bisher nicht so prickelnd, aber ein Beitrag von Hans Leip aus dem ‚Bordbuch des Satans’ über Störtebeker war sehr informativ! Er räumt dort mit vielen Legenden über ihn auf. Das muß ich mir mal besorgen, denn das kenne ich noch nicht von ihm.
    So und nun ist Mittagessen! Mal sehen, was es diesmal gibt und ob es diesmal auch etwas sonntäglich ist. Als Nachtisch gibt es jedenfalls einen Schoko-Vanille-Pudding. Bingo! Schnitzel in Bechamel-Soße, Broccoli und Kartoffeln! Gar nicht mal schlecht! Natürlich nicht vergleichbar mit Ankes tollen Speisen, aber guter Imbiß-Durchschnitt. Ich muß mich berichtigen: Das war kein Pudding, sondern EIS! Wir werden hier ja richtig verwöhnt heute! Ich frage mich nur, ob die Moslems hier, und von denen scheint es etliche zu geben, den gleichen Fraß kriegen (Anmerkung: Ich habe das nie exakt klären können, aber grundsätzlich gibt es wohl nur DAS EINE ESSEN!) ?
    Seit einiger Zeit hat hier wohl ein Türke ein Radio oder so, denn es quaakt orientalische Musik durch den Flur. Nicht sehr laut, aber doch störend. Kann dem keiner einen Kopfhörer verpassen?
    Außerdem steht in den Anstaltsregeln zur Nutzung eines Radios etc., dass dieses nur auf Zimmerlautstärke betrieben werden darf. Aber an solche Kleinigkeiten hält man sich hier scheinbar nicht so genau, wie man es ja auch bei den ‚Außengesprächen’ sehen kann.
    Wow! Heute werden wir ja richtig verwöhnt! Es gibt zum Abendbrot eine Konserve mit ‚Heringsfilets in Senfsoße’! Könnte lecker sein. … Ist lecker!
    Die Musik ist weg, was ja auch was ist. Wieder bekommt einer einen Zellenkoller, aber meist dauert das nicht lange. Aber verstehen kann ich die ja irgendwo. Und ich philosophiere auch darüber, wie jemand wie der Student der FH als Berufswunsch haben kann, in so einer Anstalt zu arbeiten!? Ein Beamter erzählte mir, dass er früher alle Akten der Gefangenen gelesen hat, es aber schon lange nicht mehr mache, da ihn das teilweise zu sehr belasten würde. Kann ich verstehen.
    Mein Nachbar ist auch mal wieder in Aktion. Muß ein ziemliches Früchtchen gewesen sein, wenn man den Bruchstücken seiner Äußerungen glauben darf. Ich hoffe sehr, dass er morgen verlegt wird.
    Die Musik quäkt auch wieder, scheint aber vom Nachbarblock zu kommen. Heute Abend bekam ich eine Mopo vom Freitag (Anmerkung: Mit dem Service-Wagen gibt es neben den Notwenigkeiten wie zB Klohpapier auch ein paar Bücher und Zeitungen, die aber in aller Regel schon fast eine Woche alt sind). Schon der Titel „Axtangriff an der Ampel’ – ‚Ich hacke dir den Kopf ab!’ – Gericht lässt brutalen Verkehrsrowdy laufen“. Er ist vielfach aufgefallen aber seit 2007 ‚nur 2x’!!! „Sie sind auf einem guten Weg“, sagte die Richterin!!! Einstellung des Verfahrens und 150 Stunden Sozialarbeit. Die Richterin ‚empfiehlt’ ein Anti-Aggressions-Training!! Na toll!
    (Anmerkung: Hier der Artikel aus der Mopo: http://archiv.mopo.de/archiv/2…acke_dir_den_kopf_ab.html )
    Unsereiner sitzt, weil er seine Meinung im Forum vertreten hat, 50 Tage in Einzelhaft, und so einer kann gehen! Aber wir leben eindeutig in einem Rechtsstaat!
    Aber wen wundert’s? Freie Meinung ist für’s System ja auch viel gefährlicher als ein Gewalttäter! Klaro! Verstehen sicher fast alle!
    Eben habe ich kurz vor dem Schlafengehen noch meine Trainingshose und ein T-Shirt gewaschen. Waschmittel: Spüli! Das gibt es freundlicherweise hier zusammen mit Klohreiniger.
    Draußen ist es vergleichsweise ruhig. Ich hoffe, ich kann gut schlafen.

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  • Jörn, ich hab alles gelesen.


    Erstmal sehr interessant.


    Zweitens: sehr hart. Einzelzelle ohne wirklichen Kontakt zu anderen.


    Dritttens. Grisham find ich sehr spannend.


    Viertens: Deine Memoiren (in Leipzig?)?

  • Nene, mein Frauchen ist gerade zu diesem Zeitpunkt dort!


    Und nebenbei bemerkt, war der Roman (Die Jury) dann auch noch gegen Ende recht spannend!

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  • Kleines Intermezzo


    Hier ein paar Zettel, die man so bekommt, wenn man da eingeliefert wurde.


    Als erstes ein Standardformular, wie man es am Service-Wagens abends bekommt, für Anträge aller Art!
    Man muß aber UNBEDINGT beachten, daß es für BESUCHER und TELEFONNUMMERN gesonderte Formulare bekommt!
    Diese bekommt man aber nicht hier, sondern werden einem auf Wunsch gebracht. Dazu nimmt man am besten auch so ein Standardformular und trägt seinen Wunsch dort ein. Dann bekommt man auch die richtigen Vordrucke!
    Abzugeben sind ALLE ANTRÄGE immer NUR MORGENS am Frühstückswagen!
    Und an Sonnabenden (Samstagen) und Sonntagen geht natürlich gar nichts!



    Dann zur Regelung und dem Gebrauch des Telefons:



    Und dann noch ein Merkblatt zum Erwerb von elektronischen Geräten:
    (Dafür benötigt man allerdings auch noch eine WEISSE LISTE mit den Namen der Händler, die anliefern dürfen. Bekommt man auch bei der Abteilungsleitung.)
    Ein gesondertes Bestellformular gibt es ebenfalls!






    Und so sehen Plomben aus, die an Besitztümer oder andere Dinge geheftet werden.
    Natürlich ist in diesem Falle der Faden durchschnitten worden!
    Man beachte weiterhin das Wort 'Selbststeller'! Ich wurde ja schließlich nicht verhaftet!


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    Einmal editiert, zuletzt von Joern (†) ()

  • Das, Bernd, habe ich mal etwa 2 Jahre lang als Student gemacht, wo ich im Krankenhaus Nachtwachen geschoben habe. Auf der Krebsstation gab es viele Tote, die dann von mir gewaschen werden mußten. Die bekamen so einen ähnlichen Zettel an den Fuß gebunden! Aber ohne Plombe!

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  • TAG 8 27.September 2010


    Guten Morgen, Allerseits!
    Hab lange gebraucht zum Einschlafen, dann aber durchgepennt, bis die schreckliche Glocke läutete. Zehn Minuten später kam das Frühstück und eine Sekunde danach musste ich wieder zur Ambulanz wegen angeblich zu hohem Blutdruck. Soll noch bis zum 1.Oktober so gehen. Er war aber vergleichsweise niedrig und ok. Ich versuchte der Schwester klarzumachen, dass schon der Weg dahin für mich ziemlich anstrengend ist.
    Ich hoffe nur, dass Anke heute die Sache mit dem Gerichtsvollzieher gut hinbekommt (Anmerkung: Hat sie!), und dass ich endlich eine offizielle Telefon-Erlaubnis bekomme.
    Heute spar ich mir wieder den Freigang, denn das Wetter ist beschissen. Wozu dann in diesem Rosengarten im Kreise pilgern? Und interessante Leute sind eh nicht darunter.
    Mein spezieller Freund beschwerte sich gestern bei ‚Garfield’, dass er nur noch alleine nach draußen dürfe. Muß wirklich ein nettes Früchtchen sein! Und beschwert sich über die Behandlung!?
    Ich persönlich brauche neben einem Telefon unbedingt eine Nagelschere. Muß nachher mal anfragen, ob man dafür einen Antrag schreiben muß.
    Es ist schon seltsam, wenn man selbst so elementare Kleinigkeiten nicht mehr hat.
    Eben war Kontrolle des Fenstergitters. Der Beamte schlug mit einem Hammer an mehreren Stellen gegen das Eisen. Ich: „Tja, ich habe beim Sägen gute Arbeit geleistet. Sie haben nichts bemerkt.“
    Er: „Bei diesem Gitter haben Sie keine Chance. Da ist drinnen ein zweites Rohr. Und wenn Sie darauf kommen, dreht sich das immer mit, so dass Sie nicht weiterkommen.“
    Interessant! Hochsicherheitstrakt eben. Was sich die Leute so alles einfallen lassen, um die Insassen von ihrer Gastfreundschaft nicht abzuhalten? Aber ich frage mich: „Wer will hier schon weg bei so einem tollen Service und den Annehmlichkeiten?“
    Den ganzen Morgen habe ich auf Nachrichten gewartet, ob ich endlich telefonieren darf oder Post kommt.
    Und mit dem Mittagessen brachte mir Herr B. einen Brief von Anke! Männo, war das toll! Danke, Liebste! Daß ihr euch Sorgen macht, kann ich verstehen. Mache ich mir auch. Und ich denke, wir werden einen Weg finden, um aus dieser Misere zu kommen, ohne allzu sehr mein Gesicht zu verlieren. Ich werde ihr gleich einen Brief schreiben. Schön, dass sie Marken beigelegt hat. Mein Brief scheint noch nicht angekommen zu sein. Er war von Freitag. Wird aber hoffentlich bald ankommen. Ihr Brief war geöffnet und wieder versiegelt worden. Mit einem Stempel ‚Briefkontrolle’. Aber das wusste man ja vorher.
    Jetzt erstmal essen. Wow! Kassler mit Erbsenpü, Sauerkraut und Kartoffeln! Irre! Dazu einen Apfelsaft als Nachtisch. Dann habe ich ihr erst einmal einen langen Brief geschrieben und ihr erlaubt, den Beitrag ‚Der Fall Hofschulte’ aus dem Netz zu nehmen. Wenn auch nur unter größtem Protest! Ich werde diesen W…. irgendwann an den Hammelbeinen bekommen, und dann wird er hier für meinen Aufenthalt bezahlen! Hoffentlich hat er dann auch genügend auf seinem Konto!?
    Und das neue FanFiction meines Frauchens ‚The Prisoner’ beginnt wieder wie gewohnt, sehr spannend zu werden. Sie ist wirklich nicht nur die süßeste Frau der Welt, sondern auch noch eine wirklich gute Schriftstellerin!
    Eben hat wieder der Psycho vom Dienst seinen Anfall bekommen. Alarm! Alles rannte zu seiner Zelle. Dann etwas Lärm. Und dann noch ein paar Tritte gegen die Tür und Geheul. Dem Kerl scheint es wirklich nicht gut zu gehen. Wie will der bloß eine längere Haft durchstehen, wenn er hier schon nach wenigen Tagen abnippelt?
    Ich bin lieber mit Schreiben und Lesen beschäftigt. Bin gerade bei einem Buch über die Geschichte um 1560 und 1588 zwischen Spanien, Frankreich und England. Philip II. von Spanien und Elisabeth I. Interessant ist, dass man sich damals als ‚Aktionär’ an Piratenschiffen beteiligen konnte (Anmerkung: Bei Drake zB)
    . Sollte man vielleicht wieder einführen. Obwohl es ja eigentlich kaum einen Unterschied macht, ob man nun Anteile an einem Piratenschiff oder einem Hedge-Fond hält! Beide bringen andere um ihr Erspartes!
    Eine der Kleinigkeiten, die ich gerade dringend gebrauche, ist eine Nagelschere. Muß mal meine Krallen trimmen! Aber auch das sollte sich ja regeln lassen.
    Eben bekomme ich eine Einkaufsliste, was man hier im Shop kaufen kann. Habe nicht viel angekreuzt, aber ein Nagelknipser war darunter. Und dann mal ein paar Süßigkeiten wie Kuh-Bonbons und Mars. Und eine Packung Serrano-Schinken! Und noch ein paar Cornflakes und H-Milch. Und ganz dringend Hautcreme für meine Visage! Echt nötig! Mal sehen, ob ich alles bekomme. 27 Tacken muß ich dafür hinlegen. Aber irgend wie brauche ich mal einen kleinen Snack zwischendurch. Ansonsten brauche ich nichts, wenn man mal von einem Radio absieht, aber das ist kompliziert, also lasse ich das.
    Ich muß mich eben mit 3 bis 4 Tage alten Zeitungen begnügen.
    Mein Freund ist noch da, verhält sich bis jetzt aber ruhig. Aber seine Verlegung scheint unmittelbar bevorzustehen. Ich hoffe, er bleibt ruhig.
    Heute war ein guter Tag, weil ich zum ersten Mal Post von meiner kleinen Liebsten hatte!

    JEDER meiner Beiträge stellt IMMER MEINE PERSÖNLICHE MEINUNG dar!
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  • KLEINES INTERMEZZO


    Heute war SONNTAG!
    Und wie ich es mir erträumt habe, gab es heute ein ALL-AMERICAN-BREAKFAST!
    Pancakes, Sirups, Eggs ans Bacon!


    Mmmmmmhhhhh!!!!!


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  • TAG 9 28.September 2010



    Leider hat mein türkischer Drogenheini dann doch noch bemerkt, dass er etwas Kommunikation brauchte. Gerade als ich am Einschlafen war, fing er an zu brüllen nach ‚Abu’ und ‚Garfield’, aber er tauschte sich diesmal nur über Dinge aus, die er kaufen wollte. Und das mindestens über eine ganze Stunde. Er ist wirklich der Einzige, der das in dieser Lautstärke macht. Hoffentlich entfernen sie den bald!
    Und unser Durchdreher vom Dienst begrüßte den Tag auch schon mit einem langgezogenen Geheul, als ob er bei der Inquisition auf der Streckbank liegen würde.
    Mit dem Frühstückswagen gab ich dem Beamten einen Brief an Anke mit und einen Besuchsantrag für Gabi. Ich hoffe, das klappt, da ich ihren Geburtsnamen nicht kannte.
    Eben durfte ich noch mal zur Kammer, da man die Rückgabe meines Stauriemens genehmigt hatte. Ohne den ist die Selbstinfusion meines gelegentlich nötigen Medikaments sehr schwierig. Kleine Schritte vorwärts. Schöner aber wäre, wenn endlich das Telefon freigeschaltet würde. Und genau da gibt es Fortschritte. Heute bekam ich meine Telekonto-PIN, die ich zum Telefonieren brauche. Jetzt muß nur noch Geld von meinem Konto überwiesen worden sein, und es kann losgehen.
    Der Abteilungsleiter B. beschwerte sich bei mir – er hatte meinen Brief an Anke gelesen - , dass ich ihn gelobt hätte, denn schließlich sollten ja nur üble Dinge nach außen dringen zur allgemeinen Abschreckung.
    So, hoffentlich geht alles klar, damit ich vielleicht heute schon meine kleine Schnuckelmaus anrufen kann. Und mein Brief scheint ja auch durch die Zensur gegangen zu sein, und dürfte damit in der Post liegen.
    Es ist schon erstaunlich, mit wie wenigen kleinen Dingen man glücklich sein kann, auch wenn man erst am 9.Tag drinnen ist.
    Als ich zur Kammer ging, erzählte mir der Beamte, dass es jetzt Gesetz sei, Gefangene nur noch einzeln unterzubringen, dass man da aber noch weit von entfernt sei. In meiner Zelle standen auch mal zwei Betten, wie man an den Schraublöchern im Boden deutlich erkennen kann.
    Da er extrem braungebrannt ist, fragte ich ihn, ob er gerade in Urlaub war. „Ja, in Ägypten.“ Aber er hat sich noch nie mit der Kultur beschäftigt, sondern nur am Meer gelegen. Da habe ich ihm natürlich von unserer tollen Reise im Februar erzählt.
    Ich frage mich nur, wie das so ist, wenn man die Post der Gefangenen so liest oder lesen muß? Aber vielleicht gehört das ja noch zur unterhaltsameren Seite des Berufes?
    Inzwischen habe ich auch das Buch über die Armada beendet. Ein sehr gutes Buch mit spannenden neuen Dingen, die ich noch nicht kannte.
    Kann sich jemand vorstellen, dass man sich wegen einer Tüte mit Alltäglichkeiten reich fühlt? Ich kann das jetzt! Ich war Einkaufen im Knast-Laden. Lauter Leckereien und ein paar Notwendigkeiten wie Hautcreme und Rasierer und zwei Zeitungen VON HEUTE! Echter Wahnsinn! Werde ich mir nachher was von als Nachtisch genehmigen. Fehlt nur ein leckeres Elephant dazu, aber Alkohol gibt es leider nicht. Noch nicht einmal ein ganz klitze-kleines Bierchen. Aber wir wollen mal zufrieden sein mit dem, was wir haben.



    Zum Essen gab es heute so einen ähnlichen Eintopf wie bei meinem Strafantritt. Viel Wurzeln, Gemüse und etwas Reis drin und Tomaten. Konnte man essen. Die Banane dazu hebe ich mir für später auf. Jetzt schiebe ich mir einen Mini-Mars zwischen die Kauleisten und lese Zeitung. Man muß ja schließlich das Beste draus machen, oder? Aber erst noch Fingernägel schneiden! Habe mir ja einen Knipser erstanden, was auch dringend Zeit wird. Wenige Minuten später sind die Nägel getrimmt und mein bröselndes Gesicht mit Nivea bearbeitet. Ich will ja nicht behaupten, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen, aber das musste sein! Wie ein richtiger Mensch fühle ich mich erst nach dem ersten zärtlichen Küsschen meiner Süßen und dem ersten Elephant über dem Knorpel! Aber das Mars war lecker! Und heute Abend kann ich auch etwas zum Wohlbefinden der anderen Insassen beitragen: Zwei nagelneue Zeitungen von HEUTE (Abendblatt und MOPO)!
    Und dann kam auch der gar erschröckliche (ich soll ihn ja nicht ‚nett’ nennen) Abteilungsleiter rein und brachte mir einen weiteren lieben Brief von Anke! DAS WAR TOLL!
    Soso. Clarissa nannte mich einen tapferen Kampfzwerg’!! Also ich bin immerhin 172 ganze Zentimeter ‚groß’!
    Und jetzt ist mir auch klar, warum meine Kleine am Sonnabend nicht abgehoben hat. Sie war ja bei ihrem Vortrag, meine tüchtige Kämpferin für die Sache der Templer (Anmerkung: Sie hielt im Gemeindehaus des Michels einen Vortrag über die ‚Mythen um die Templer’)! Hatte ich völlig vergessen. Und in der MOPO las ich heute ein tolles Zitat, das allerdings im Zusammenhang mit den tollen Hartz-IV-Erhöhungen stand: „Es liegt an den Menschen selber, ob sie sich wehren. Wir brauchen zivilen Ungehorsam.“ Linken-Chef Klaus Ernst. Klasse, Mann!
    Bloß: Woher nehmen wir die Menschen, wenn nicht stehlen? Die Deutschen wissen doch gar nicht, was das ist! Seht euch den zahnlosen Tiger der Hansa-Opposition an! Massenweise Kreide gefressen! Für DIE sitze ich hier zu allererst! Aber auch für den Rest des Gewerbes. Nieder mit der Willkür durch die BSU und die Zentralen!
    Im Gegenzug muß ich aber meinen Mithäftling Mustafa loben. Er ist wohl so eine Art Faktotum und Küchenmann hier im Block (Anmerkung: Block B Abteilung II Zelle 25) Er bringt immer das Frühstück und das Abendbrot und ist ganz extrem hilfsbereit und gibt immer Tipps und so. Netter Kerl! Und mein Drogenhändler von nebenan beschwerte sich bei seinem Kumpel, dass er die falschen Batterien für seinen CD-Player bekommen habe. Tut ihm recht! Wenn er nicht weiß, welche in seine Gerät passen und die falschen auf der Einkaufsliste ankreuzt! Prima! Nun muß er wieder ‚ne Woche warten, bis er welche bekommt. Aber hoffentlich nicht HIER!
    Da das Abendbrot nicht so wirklich lecker war, habe ich mal an meinen Vorräten genascht: Cornflakes mit H-Milch. War recht lecker, außer dass die Milch etwas warm war. Woher also Kühlung nehmen? Vor dem Fenster zwischen Gitter und einer Spezial-Lochblende gibt es einen Abstand, wo der Liter genau rein paßte. So hat die Milch wenigstens Außentemperatur und nicht 20° wie hier drinnen. Auch ein Fortschritt!
    Nach 9 Tagen habe ich mich langsam adaptiert, nur an diesen Affen werde ich mich ganz sicher nie gewöhnen. Nun ist er auch schon wieder die ganze Zeit am Brüllen. Wenn er noch lange hier bleibt, kenne ich bestimmt seine ganze Vergangenheit. Eben behauptete er zB, er sei Amerikaner, und deshalb sei ein Beamter vom ‚Konsulat’ in Berlin bei ihm gewesen! Konsulat in Berlin? Haben wir hier denn keines? Und die Berliner sind eine Botschaft.
    Aber auch als Häftling 2723/10/3 von Block B II Zelle 25 lernt man niemals aus.
    Liebe Verwaltung hier! Habt ein Einsehen und verlegt ihn endlich!
    9.00 Uhr findet die Verhandlung gegen ihn statt. Hoffentlich bleibt er nicht solange hier! Jetzt hat er auch noch seine Clique draußen stehen und brüllt noch lauter. Es ist zum Kotzen! Vielleicht sollten wir ihn mal austauschen mit den USA. Da wird sich vielleicht ein Deutscher finden, der für ihn hierher darf.
    Ich schrieb, dass ich den Leseausweis Nummer 1 habe. Dazu passt, dass ich zwar drei spannende Romane nach meinem Antrag bekam, nun aber niemand weiß, wie man die wieder zurückgibt und neue bekommt! Man muß sich erkundigen!? Lesen scheint hier nicht so wirklich en vogue zu sein. Dafür aber Grölen.
    Ich habe zwar noch zwei eigene Bücher, aber da man hier nie genau weiß, wie lange etwas dauert, will ich lieber schon mal neue bestellen. Zumal man auch nur drei pro Woche bekommt, und ich einen ziemlich großen Bedarf habe. Immerhin schon 5 Bücher gelesen! Und 43 Seiten Tagebuch geschrieben. Aber was soll man denn sonst hier machen? Unser Psycho vom Dienst meldet sich auch gerade mal wieder. Aber wie der eine Beamte schon erzählte, sind hier wohl ziemlich viele Drogis. Das ist bestimmt auch so einer.

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  • hallo jörn, sorry wenn ich mal dazwischen quatsche, aber du schreibst echt nett! ist ein echter spass dein tagebuch zu lesen auch wenn es dir da nicht so besonders gut ging! deine schreibweise zaubert einem echt ein lächeln auf die lippen, man vergisst ganz den sch..ss hintergrund und das du wahrscheinlich echt gelitten hast! ich habe nur mal eine nacht in u-haft verbracht und war total bedient, das war wohl die schlimmste nacht meines lebens! aber wenn ich mir den bon deines einkaufs so anschaue, finde ich die preise angemessen und nicht übertrieben! und..... aufgefallen ist mir noch, das da eine TEEKANNE auf deinem frühstückstisch stand!!!??? doch noch rückfällig geworden? ;)
    einen lieben gruss aus spanien! und ich freue mich das du die tage so gut überstanden hast! :thumbsup:
    wolfgang

  • Lieber Wolle!
    Rechts auf dem Foto IM HINTERGRUND, siehst du die KAFFEEKANNE! Das ist MEIN BETRIEBSSTOFF!
    Der Tee ist für mein Frauchen, die eine leidenachftliche Trinkerin dieser Bläter ist und eine große Sammlung dieser Sachen in unserem Schrank ihr Eigen nennt!
    Danke für das sonstige Lob! Und NATÜRLICH darf man hier auch KOMMENTARE loswerden!
    Aber noch eins: GELITTEN habe ich NICHT! SO schlimm war es dann auch wieder nicht!
    Aber es war eine gute Erfahrung, die ich - im Nachherein - nicht mehr missen möchte!

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