Das erste echte E-Taxi aus London fährt jetzt durch Berlin

  • Das erste echte E-Taxi aus London fährt jetzt durch Berlin

    Serkan Demir besitzt das erste echte Londoner E-Taxi in Berlin. Sein Auftrag: Alle Berliner glücklich zu machen. Eine Fahrt mit ihm in den Sonnenuntergang


    Jesko zu Dohna, 5.4.2021 - 11:19 Uhr


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    Das Taxi von der Firma LEVC wiegt 2,5 Tonnen und hat eine Reichweite von 400 Kilometern. (Foto: Paulina Hildesheim)


    Berlin - Berlin am Mittwochabend um 18.30 Uhr. 22 Grad. Es ist der erste warme Abend des neuen Jahres. Die ersten Menschen trauen sich in kurzer Hose und T-Shirt aus dem Haus. Trotz Pandemie. Die Last der letzten Wochen scheint abzufallen. Am Mehringdamm ist die Hölle los. Wie erspürt man also die erste laue Nacht des Jahres? Wie erlebt man diese Zuversicht, diesen Aufbruch?

    Man stellt das Taxameter an. Gibt sich ein Limit von 100 Euro und fährt einfach alleine mit einem Taxi in den Sonnenuntergang. Durch Mitte, Kreuzberg, Tempelhof, Schöneberg, wieder Kreuzberg, Friedrichshain und zurück nach Mitte. Fenster runter, kaltes Bier in der Faust. Kann es eine schönere Feierabendbeschäftigung geben? Wohl kaum.


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    Serkan Demir hat sich mit dem London Cab der Firma LVEC einen Traum erfüllt. (Foto: Paulina Hildesheim)


    „Was soll das?“, werden Sie jetzt fragen. Das ist teuer und unnütz. Ja, prinzipiell haben Sie Recht, aber in diesem Fall liegen Sie komplett daneben. Denn das Taxi, in dem ich sitze (auf einem Klappsitz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, in den großen Panoramafenster geht die Sonne langsam unter), ist kein oller Mercedes Benz mit Stufenheck oder ein blecherner Toyota, sondern ein echtes Londoner Taxi. Wuchtig, geräumig, nagelneu und vor allem elektrisch betrieben. Kurzum: das beste Gefährt, um zu sechst zu einer Post-Corona-Party zu fahren.

    Das erste Londoner Taxi in der Hauptstadt

    Es ist das erste London-Taxi in Berlin. Seit knapp drei Wochen unterwegs und es verbindet das Beste aus zwei Welten: die Größe und die Weltgewandtheit eines London Cab und die Zuverlässigkeit eines elfenbeinfarbenen deutschen Taxis. London trifft Berlin. Die Metropole zu Gast in der schönsten Möchtegern-Metropole der Welt.


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    Geräumig und behindertengerecht: Für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen. (Foto: Paulina Hildesheim)


    Und am Steuer hinter der dünnen Plexiglasscheibe sitzt sein stolzer Besitzer: Serkan Demir. Er ist 38 Jahre alt, geboren in Schöneberg und hat sich für 80.000 Euro mit dem Taxi den Traum seines Lebens erfüllt. Auf Kredit, in der Pandemie, wo doch seine Kollegen klagen. Den Mut muss man erst einmal haben.

    Am Sonntag brachte Demir FDP-Parteichef Christian Lindner ins Studio zu „Berlin Direkt“ – zufällig. Lindner hatte ihn einfach über die App Freenow gebucht. Lindner streckte die Beine aus und war begeistert. Sprach vom „London-Gefühl“, machte einen schnellen Instagram-Post, kassierte 13.000 likes, wünschte alles Gute und war wieder weg.

    In konventionellen Taxis ist kaum Platz

    Ich bin heute Demirs letzter Kunde. Nach dieser Fahrt muss Demir zu seiner Mutter. Sie habe gekocht, sagt er. Es gibt vegetarisch. Aber vorher sprechen wir noch über seine Geschichte. Während Demir erzählt, gleitet der Wagen lautlos über die Oranienstraße, spielend fädelt das beige Ungetüm auf die Linksabbieger-Spur ein. „Alle lassen mich rein“, sagt Demir, „das ist ungewöhnlich für Berlin.“ Und tatsächlich: Wo wir auch hinfahren, kleben die Blicke auf uns. „Es ist, als ob die Leute einer schönen Frau hinterherschauen.“

    Was romantisch klingt, ist seine Mission. „Ich möchte jeden Fahrgast so glücklich machen, wie die Menschen, die mir zuwinken“, sagt er. Seit fünf Jahren ist der gelernte Industriemechaniker, der früher mal ein paar Jahre bei McDonalds gearbeitet hat, mit seinem eigenen Taxi unterwegs. Seine alte E-Klasse hatte ihn frustriert. Immer wieder musste er Menschen ablehnen. Entweder war kein Platz für einen Rollstuhl oder der Einstieg war zu hoch. Einmal wollten vier junge Männer mit ihm zum Tropical Island nach Brandenburg fahren. Demir musste ablehnen.

    Taxi4Berlin: ein Taxi für alle

    Heute ist das anders. Das Londoner Taxi ist nicht nur bequem, sondern hat eine Rollstuhlrampe und auch einen Tritt. Jetzt können auch gebrechliche Fahrgäste und Mütter mit Kinderwagen innerhalb von sieben Sekunden bei ihm einsteigen. Und im Kofferraum liegen Kindersitze in allen Größen. 15.000 Euro Inklusionsförderung hat Demir für den Kauf seines Taxis beantragt und auch bewilligt bekommen. „Ich wollte ein Taxi für jeden Berliner“, sagt er, „und das habe ich geschafft.“


    Demir warnt mich, bevor er mir zeigt, wie schnell sein fast zweieinhalb Tonnen schweres Elektro-Taxi beschleunigt: „Pass auf mit deiner Bierflasche, sonst schlägst du dir die Zähne aus.“ Wir rollen in die Nacht hinein, zum Höhepunkt unserer kleinen Reise. Halten auf dem Taxistand vor Curry 36 am Mehringdamm. Demir hat Lust auf eine Pommes mit Mayo, ich auf eine Currywurst. Wir bestellen und schieben uns Fett und Kohlenhydrate rein, während die anderen Taxifahrer eine Traube um den Wagen bilden. Ein 19-Jähriger kommt vorbei. Nikolai. Angeblich Musikvideo-Produzent. Er habe „die Schnauze voll“ von Benz, Ferrari oder Porsche. Es brauche mal etwas Neues für seine Videos, sagt er. Das London-Taxi wäre perfekt!

    Auftritt des Taxis in einem neuen Rap-Video

    Demir kennt solche Begegnungen. Bei ihm kommen die Leute ins Träumen. Vergangene Woche habe er einen jungen Mann am Kotti mitgenommen. Der Gast hatte seinem Freund in Charlottenburg eigentlich schon abgesagt. Dann habe er aber Demir und sein Taxi gesehen und einfach den Arm hochgerissen. Der Gast habe an einem Späti ein Bier gekauft, sich ins Auto gesetzt, die Beine ausgestreckt und sich dann doch noch nach Charlottenburg kutschieren lassen.

    Auf dem Weg nach Hause bekommt Demir eine Nachricht. Musikproduzent Nikolai habe es sich überlegt. Wenn Demir einverstanden sei, dann komme das Taxi in ein neues Rap-Video. Einzige Bedingung: dass Demir sein Taxischild abmache. „Klar“, schreibt Demir zurück. „Ich will alle Menschen in Berlin glücklich machen. Das ist mein Auftrag.“


    Quelle: Berliner Zeitung (abgerufen Di. 06.04.2021, 07:35)